Faszination Dschungelcamp – Warum Buschschweinsperma und Kakerlaken im Kopf so anziehend sind

Im Free-TV laufen viele Sendungen die wir mit gutem Gewissen als Trash-TV bezeichnen können. Reality Sendungen denen man auf den ersten Blick ansieht, dass sie komplett geskriptet sind und die Darsteller von den Filmemachern eine Rolle entworfen bekommen haben. Obwohl dies jedem klar sein dürfte, sind die Formate sehr erfolgreich und erreichen ein riesiges Publikum. Eine der bekanntesten und erfolgreichsten ist das Dschungelcamp. Heute will ich meine Gedanken zu dieser Sendung teilen und mit euch darüber diskutieren, wieso das Dschungelcamp so erfolgreich ist und was wir daraus für unser Online Business lernen können.

 

Was genau ist das Dschungelcamp?

Falls es jemanden unter meinen Lesern gibt, der das Dschungelcamp gar nicht, oder nur aus Erzählungen kennt, fasse ich einmal kurz zusammen worum es geht und was einen beim Zuschauen erwartet.

Eigentlich heißt das Dschungelcamp “Ich bin ein Star, holt mich hier raus!” und wurde erstmals im Jahre 2004 in Deutschland ausgestrahlt. Gerade ist die 9. Staffel angelaufen und wird nun auch in HD ausgestrahlt.

Das Konzept ist schnell erklärt. 10-11 “Berühmtheiten” finden sich in einem Camp im australischen Dschungel ein und werden 24/7 von mehreren Kameras gefilmt. In regelmäßigen Abständen müssen alle Kandidaten eine sogenannte Dschungelprüfung durchlaufen. Diese zielen darauf ab die Teilnehmer an ihre Grenzen zu bringen. Ekel, Überwindung und Blamage reichen sich die Hand und oft sind Dschungeltiere ein zentraler Bestandteil der Prüfung. Die Highlights des Tages werden zusammengeschnitten und täglich dem schaulustigen Publikum präsentiert. Zu Beginn der zweiwöchigen Sendung entscheiden die Zuschauer via Telefon darüber, welcher Kandidat zur Dschungelprüfung antreten muss. Am Ende haben Sie die Macht zu entscheiden, wer im Dschungel bleiben darf und werden so in die Sendung involviert.

Kritiker des Formats führen häufig an, dass die Sendung niveaulos sei und die Kandidaten in menschenverachtende Situationen bringe. Zu Beginn wollte niemand die angebotenen Werbeblöcke kaufen, dies hat sich jedoch mittlerweile sehr gewandelt. Auf Grund der enormen Einschaltquoten (2014 wurde das Staffelfinale von 8,6 Millionen Menschen geschaut) sind die Werbeplätze enorm beliebt und erzielen den dreifachen Preis eines herkömmlichen Werbeblocks.
Für Werbetreibende sind sie sogar so attraktiv geworden, dass Werbespots extra auf das Format und seine Zielgruppe zugeschnitten werden.

Große Aufmerksamkeit erregte das Dschungelcamp im Jahre 2013 durch eine Nominierung für den Grimmepreis. Dies sorgt für so viele Beschwerden, dass das Komitee sich genötigt fühlte eine umfangreiche Begründung für die Nominierung abzulegen.

 

Wieso kommt das Dschungelcamp so gut bei uns an?

Auf den ersten Blick ist es sehr erstaunlich, dass ein solchen Format ein so gigantisches Publikum erreicht. Die meisten Menschen behaupten das Dschungelcamp nicht zu sehen, dennoch scheint jeder bestens über die Sendung im Bilde zu sein. Doch woran liegt es, dass sie eine so große Anziehungskraft auf uns hat und uns so sehr in ihren Bann ziehen kann?

Zunächst muss man sagen, dass das Dschungelcamp ein lizensiertes Format aus Großbritannien ist. Es gibt sehr genaue Vorgaben die in ellenlangen Verträgen festgehalten wurden und haargenau befolgt werden müssen. Dies soll garantieren, dass der einzigartige Effekt auf die Zuschauer in jedem Ausstrahlungsland erreicht werden kann.

Im Dschungelcamp werden prinzipiell Kandidaten ausgewählt, die beneidet werden können. Sie sind bekannt aus TV, Radio und Co, stehen im öffentlichen Licht und verdienen ihr Einkommen ohne dafür einer herkömmlichen Arbeit nachzugehen. Sie werden auf der Straße erkannt (manche mehr, manche weniger) und haben einen gewissen Prominentenstatus.

Das Dschungelcamp sorgt dafür, dass unser Trieb nach sozialer Gerechtigkeit befriedigt wird. Die Promis werden in einem sehr schlechten Licht gezeigt und müssen teilweise unmenschliche Aufgaben erfüllen. Uns gibt dies das Gefühl dass es ihnen in Wirklichkeit gar nicht besser geht als uns. Zudem können wir anschließend behaupten, dass wir zwar nicht reich und berühmt sind, dafür aber wenigstens noch Ehre und Stolz besitzen. Es wird der Eindruck erzeugt als hätte jeder erfolgreiche Mensch einen sehr hohen Preis dafür zu zahlen, was jene freut, die das Leben eines Normalos führen.

Ein weiterer Faktor ist, dass die “Promis” über einen sehr langen Zeitraum gefilmt werden und somit keine Chance haben sich dauerhaft zu verstellen. Selbst der beste Schauspieler knickt irgendwann ein und zeigt sein wahres Ich. So erhält man einen authentischen Einblick in den Charakter und das echte Leben hinter der errichteten Fassade. Unser voyeuristische Trieb wird befriedigt.

Der Mensch vergleicht sich fortlaufend unbewusst mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft und stellt so fest wo sein Platz ist. Wir sind es gewohnt im Fernsehen Stars und Berühmtheiten zu sehen, die uns überragen. Durch Realityshows werden uns Personen präsentiert, die völlig verblödet und bemitleidenswert sind. Auf diese Weise fühlen wir uns ihnen überlegen und in unserem Tun bestätigt.

Indem der Zuschauer per Telefon selbst über einen Teil der Geschehnisse bestimmen kann, wird ein besonderer Reiz ausgeübt. Wir werden zum Filmemacher und entscheiden über die Geschicke der Promis. Uns wird eine große Macht in die Hände gelegt und unser Wille soll geschehen.

Häufig breitet sich ein sogenannter Lagerfeuereffekt aus. Nach dem Erscheinen der Sendung wird in der Schule, auf der Arbeit, im Freundeskreis oder in sozialen Netzwerken über das Dschungelcamp gesprochen und wer es nicht gesehen hat, kann nicht mitreden. Es entsteht eine Sogwirkung der sich nur wenige widersetzen können. Durch den Austausch entsteht ein Gefühl der Zugehörigkeit und man kann sich über gemeinsame Interessen austauschen.

 

Die Zielgruppe des Dschungelcamps

Typischerweise wird die Zielgruppe des Dschungelcamps recht einseitig dargestellt: Menschen die nichts besseres mit ihrer Zeit anzufangen wissen und auf Humor der untersten Schublade stehen. Wenn man jedoch die gigantische Reichweite des Formats bedenkt, können kaum alle der Zuschauer in diese Gruppe gehören. In Realität wird das Dschungelcamp von Menschen aus jeder gesellschaftlichen Schicht geschaut und ist auch in intellektuellen Kreisen weit verbreitet. Das ist von den Filmemachern auch bewusst so gedacht.

Neben dem eigentlichen Programm werden unter anderem Tagesaktuelle politische Themen aufgegriffen und hinterfragt. Des Weiteren ist die Sendung durchaus selbstkritisch und kennt die Anschuldigungen die Kritiker äußern. Mit dem Trash-Image wird humorvoll umgegangen, sodass auch Feinde des Dschungelcamps durchaus auf ihre Kosten kommen und eine angenehm seichte Unterhaltung geboten bekommen.

 

Was wir vom Dschungelcamp lernen können

Das Format des Dschungelcamps ist ein penibel geplantes Konzept, welches sich seit Jahren in vielen Ländern der Erde bewährt hat. Es einfach als Schund abzustempeln wäre engstirnig. Ein Team von sehr intelligenten Menschen hat sich viel Zeit genommen, die Zielgruppe genau analysiert und eine Sendung geschaffen, die ein gigantisches Publikum gespannt vor den Fernseher lockt.

Gerade im Online Marketing neigen viele dazu einfach los zu legen und sind weit davon entfernt die nötige Vorarbeit geleistet zu haben. Das Dschungelcamp zeigt eindrucksvoll, dass ein penibel geplantes und getestetes Konzept eine wahre Goldgrube ist und wieder und wieder verwendet werden kann. Auch wir sollten beim Start eines neuen Projekts, eines neuen Produkts oder einer neuen Werbekampagne gründlicher bei der Recherche vorgehen und nichts überstürzen. Zwar ist man stets voller Tatendrang, doch Fehler können teuer werden und den Erfolg des Vorhabens verzögern, oder sogar gefährden.

Eine weitere wichtige Lektion ist, dass man die Zielgruppe nicht zu klein stecken sollte. Mit ein paar Veränderungen und Anpassungen ist es in vielen Fällen möglich deutlich mehr Menschen zu erreichen, als anfangs angenommen. Wer hätte vor einigen Jahren gedacht, dass Reality-TV ein so großer Trend wird und Menschen, egal ob alt oder jung, begeistert?

Auch das Aufgreifen kontroverser Themen (siehe diesen Artikel ;) ) gepaart mit bewusster Provokation ist eine Methode, die sich in vielen Bereichen anwenden lässt. Das Dschungelcamp hat durchaus seine Kritiker und viele der Einwände sind meiner Meinung nach legitim. Dies schadet dem Format jedoch nicht – ganz im Gegenteil. So wird viel Gesprächsstoff erzeugt, der ein kostenloses Marketing erzeugt.

Zu bedenken ist jedoch, dass das Budget des Dschungelcamps unseres bei weitem übersteigt. Dennoch haben wir die Chance von den Profis den ein oder anderen Trick abzuschauen und für unsere Vorhaben zu nutzen. Wer die Augen im Alltag öffnet und sich nicht vor allem verschließt erkennt überall die Handschrift der Marketingprofis und kann sie für sich nutzen.

6 Kommentare

  1. Stephan Richter   •  

    Ein sehr guter Artikel zu einem Thema was es jedes Jahr aufs neue zu kritisieren gibt. Privatfernsehen unterhält halt die breite Masse.

  2. Danny   •  

    Ja klar guckt sich niemand diesen Mist an. Es kauft ja auch keiner die „“Blöd“ Zeitung. Alle regen sich künstlich über Dieter Bohlen’s Lästereien auf, wobei klar ist dass genau diese Lästereien nebst diesen sich selbst überschätzenden Lachnummern und peinlichen Selbstdarstellern der Mix ist wovon dieses lächerliche Fernsehen lebt.

    Ich glaube der Durchschnittsmensch muss sich gelegentlich einfach mal die Birne mit diesem Schwachsinn durchspülen um dann den Kopf wieder für anspruchsvolleres frei zu haben.

  3. Jürgen   •  

    Sehr gut analysiert. Mit dieser Tiefgründigkeit habe ich das noch nicht überlegt. Für mich ist und bleibt Privatfernsehen Unterschichtenfernsehen. Es will mir nicht einleuchten, dass ein intelligenter und vielseitig interessierter Mensch Gefallen an dieser oder ähnlichen Sendungen findet. Die Frage ist allerdings, wo beginnt heutzutage Intelligenz. Wenn ein Azubi im ersten Lehrjahr nicht weiß, was ein Kubikmeter ist – ist er dann blöd? Ist ein Gymnasiast der zufällig weiß was Prozentrechnung ist intelligent? Aber für meinen Job hast du mir einen hervorragenden Denkanstoss gegeben. Dafür grosses Lob und meinen Dank!

  4. Eddy   •  

    Danke für dein umfassenden und informativen Beitrag!

    Ich gebe zu, dass ich mich auch nicht immer dem Format entziehen kann. Aber eine ganze Folge zu schauen habe ich bisher nicht geschafft: das Format langweilt mich sehr schnell…

    Beim nächsten mal werde ich auf jeden fall wieder einschalten. Weil ich – angeregt Du Deinen Beitrag – mir mal anschauen will, welche Unternehmen ihre Werbung dort platzieren. Und ich bin gespannt, ob es Produkte sind, die mich interessieren… Schau’n wir mal. :-)

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